Gebärdensprachdolmetscher goes Mediziner – ein Kurs von Studenten für Studenten

gsdgoesmed2 kl„Du bist gehörlos. Setze die Kopfhörer auf und versuche, dich so gut es geht an der Diskussion zu beteiligen.“, war die simple Anweisung auf dem kleinen Papierschnippsel in meinen Händen. Ich setzte also die Kopfhörer auf und versuchte, mich irgendwie einzubringen. Gar nicht so einfach, so völlig ohne Gehör. Die anderen nahmen zwar Rücksicht, sprachen langsam und bauten wilde Gesten und Handbilder in ihre Argumentation ein, schließlich wussten sie, dass ich nichts hören konnte. Trotzdem musste ich immer versuchen, die Aufmerksamkeit der anderen auf mich zu ziehen, wenn ich etwas sagen wollte. Doch sobald sich jemand abwandte während er sprach, passierte es schnell, dass ich einfach nicht mehr mitkam.

Das war eine der Übungen, die einige Studenten im Rahmen des Kurses „Gebärdensprachdolmetscher goes Mediziner (GSDgoesMED)“ austesten konnten. Der Kurs fand erstmalig während des Sommersemesters 2013 an der medizinischen Fakultät statt und wurde erdacht, organisiert und geleitet von Studentinnen des Studiengangs Gebärdensprachdolmetschen (GSD) der Hochschule Magdeburg-Stendal und ausgerichtet zusammen mit dem Förderverein Medizinstudierender Magdeburg e.V. (FMMD).

gsdgoesmed1 klSo wie mir in der Übung geht es derzeit ca. 80.000 Menschen in Deutschland, denn so viele sind nach WHO-Definition hochgradig schwerhörig oder taub, also gehörlos. Natürlich gibt es auch einige, die Hörhilfen benutzen, wie zum Beispiel ein Cochlea-Implantat. Die Kommunikation in Lautsprache ist vielen Gehörlosen ohne derartige Hilfen allerdings nicht möglich.

Dennoch gibt es eine ganze Reihe an Möglichkeiten, wie sich Gehörlose verständigen können. Die wohl wichtigste ist die deutsche Gebärdensprache, kurz DGS. „Deutsch“ deshalb, weil die Gebärdensprache in allen Ländern ein wenig anders aufgebaut ist. Es gibt viele verschiedene Gesten für das gleiche Objekt und sogar innerhalb eines Landes haben sich viele unterschiedliche Dialekte entwickelt. Trotzdem funktioniert die Verständigung auch zwischen den Nationalitäten gut – sie dauert dann nur entsprechend länger.

Die DGS ist seit Inkrafttreten des Behindertengleichstellungsgesetzes im Jahre2002 in Deutschland eine anerkannte Sprache. Ihr Prinzip ist es, einen Sachverhalt möglichst bildhaft darzustellen. So sind nicht nur die Hände entscheidend: Auch deren Stellung zueinander und relativ zum Körper, das Mundbild des Gebärdenden, seine Körperhaltung und die Mimik. Mit dieser Vielfalt an Möglichkeiten in Kombination mit einer ganz eigenen Grammatik lassen sich mitunter auch sehr abstrakte und komplexe Sachverhalte ausdrücken.

gsdgoesmed3 klEin weiteres Mittel der Kommunikation, welches sowohl bei der Gebärdensprache, als auch in der Kommunikation mit Hörenden eingesetzt wird, ist das Lippenlesen. So haben viele Gehörlose gelernt, wie man Wörter von den Lippen absehen kann. Das Problem dabei ist nur, und jeder, der das schon einmal versucht hat, wird ähnliches feststellen: Das ist gar nicht so einfach. So ist das Mundbild vieler Laute der deutschen Sprache sehr ähnlich. Man schätzt, dass deshalb nur etwa 30% der Laute überhaupt eindeutig erkannt werden können – die anderen 70% ergeben sich entweder aus dem Kontext, oder eben nicht. Das kann oft zu Missverständnissen führen. Interessant ist auch, dass viele Hörenden dazu neigen, in der Kommunikation mit Gehörlosen zu versuchen überdeutlich zu sprechen. Das jedoch kann das Mundbild verzerren und ein richtiges Absehen sogar noch erschweren.

Probleme in der Kommunikation ergeben sich oftmals insbesondere beim Arztbesuch. Dabei wäre hier eine möglichst missverständnisfreie Kommunikation besonders wichtig – für beide Seiten. Daher war dies das Hauptthema des Kurses. So wurde beispielsweise ein Film über Verhaltensweisen von Ärzten, Pflegekräften und gehörlosen Patienten gezeigt, die die Kommunikation entweder fördern oder aber erschweren können. Es ist wichtig, dass einerseits der Patient verdeutlicht, dass er gehörlos ist und dass andererseits das Personal dann angemessen darauf reagiert. Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. hat zu diesem Thema eine Broschüre mit dem Titel „Der gehörlose Patient“  herausgegeben. Neben vielen nützlichen allgemeinen Informationen stehen hier auch Tipps zur Kommunikation mit gehörlosen Menschen, wie zum Beispiel die Verwendung kurzer, unkomplizierter Sätze, das Hinwenden zum Patienten und dafür zu sorgen, dass der Raum ausreichend beleuchtet ist. Wenn nötig, können auch bildhafte Gesten oder Zettel und Stift eingebunden werden, die die gesprochene Sprache unterstützen. In jedem Fall sollte man sich vergewissern, dass der Patient folgen konnte und alles verstanden hat.

Um eine unmissverständliche Kommunikation zu gewährleisten gibt es aber auch die Möglichkeit einen Gebärdensprachdolmetscher zu Hilfe zu nehmen. Um schnell einen geeigneten zu finden hilft eine Internetrecherche in der Regel am besten – viele Gehörlose haben dahingehend aber auch bereits einen festen Ansprechpartner, weil ein Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Dolmetscher nicht unerheblich ist, insbesondere beim Arztbesuch.

Zur Übernahme der Kosten für einen solchen Dolmetscher sind laut §17 Absatz 2 Sozialgesetzbuch I die Sozialleistungsträger, also in diesem Fall die Krankenkassen, verpflichtet; bei stationären Aufenthalten bezahlt das Krankenhaus den Gebärdensprachdolmetscher in der Regel aus der Fallpauschale.

Jennifer Amma Antwi, Studentin des Studiengangs Gebärdensprachdolmetschen an der Hochschule Magdeburg-Stendal und eine der Organisatoren des Kurses, ist zufrieden mit der Durchführung des Projekts. Sie und ihre Kommilitonen beschäftigen sich schon eine ganze Zeit lang mit dem Thema: „Durch Literaturrecherche, Interviews und das Kommunikationsforum mit vielen Erfahrungsberichten von Hörgeschädigten haben wir festgestellt, dass es im medizinischen Bereich noch an Aufklärung bedarf. Deshalb wollten wir mit diesem Projekt im zweiten Studienjahr daran anknüpfen.“.

Ziel des Kurses war es dabei vor allem, medizinisches Fachpersonal, aber auch Gebärdensprachdolmetscher, für dieses Thema zu sensibilisieren. Durchgeführt wurden insgesamt 5 Sitzungen über je 1,5 Stunden. Teile des Kurses waren neben einem Crashkurs in deutscher Gebärdensprache und einem kurzen Abriss ihrer Geschichte Kurzvorträge zur rechtlichen Situation, zur Kultur der Gehörlosen, zum Berufsbild des Gebärdensprachdolmetschers, sowie eine Reihe praktischer Übungen.

Da das Interesse unter den Studierenden groß und die Anmeldungen entsprechend zahlreich waren und auch die Rückmeldungen der Studierenden durchweg positiv ausfielen, ist eine Weiterführung des Projekts geplant, eventuell auch als Wochenendkurs: „Bei der Weiterführung sind wir uns alle einig – das Projekt wird nicht einfach so in der Schublade verschwinden.“

Genauso freut sich auch der FMMD auf eine weitere Zusammenarbeit mit den angehenden Gebärdensprachdolmetschern an diesem spannenden Projekt.

Weitere Informationen:

Internetpräsenz Deutscher Gehörlosen-Bund e.V.: www.gehoerlosen-bund.de/dgb/
Artikel des Deutschen Ärzteblatts zum Thema Gehörlosigkeit: www.aerzteblatt.de/pdf/108/25/m433.pdf
WHO Facts-Sheet zum Thema Gehörlosigkeit (Englisch): www.who.int/mediacentre/factsheets/fs300/en/
Flyer Deutscher Gehörlosen-Bund e.V. zum Thema „Der gehörlose Patient“: gehoerlosen-bund.de/dgb/images/stories/pdfs/dgb_flyer_dgp_dina5_final_web.pdf